the presence
zur künstlerischen Arbeit von Hanspeter Gempeler

Der Mensch etabliert sich erst durch seine Wahrnehmungsfähigkeit in der Welt.Fasziniert von diesem Prozess, in dem die Welt und das Subjekt erst entstehen, setzt sich Hanspeter Gempeler in den Medien Malerei, Zeichnung, Graphik, Installation und in Buchprojekten damit auseinander, wie wir uns durch unser Sehen und Erkennen fortwährend ein eigenes Bild der Welt machen (müssen).Fragen nach der Natur unserer Wirklichkeitserfahrung sind auch im Kontext buddhistischer Philosophie, mit der sich der Künstler seit langem auseinandersetzt, von zentralem Interesse.

Silent turbulence In seinen jüngsten Arbeiten befasst sich Hanspeter Gempeler mit Erkenntnissen, die aus dem Spannungsfeld zwischen Sichtbarem und Verborgenem, An- und Abwesendem hervorgehen. So erweist sich das filigrane Spitzengewebe, das in ‹the presence of absence› (2010) vorerst auf die Gegenwart einer Person schliessen lässt, bei genauerer Betrachtung als leer. Es ist dieser kurze aber bedeutsame Moment des Verweilens im Ungewissen, der zulässt, dass bisher nicht Erkanntes sichtbar und Abwesendes gegenwärtig wird.In den präzisen englischsprachigen Titeln seiner Arbeiten tritt das poetische Potential der Sprache zum Bild. Ausschliesslich am komplexen und engen Zusammenspiel von Bild und Text interessiert, verzichtet Gempeler im Projekt ‹titels of not (yet) existing drawings› (2005) gänzlich auf bildliche Aussagen. Mit kurzen narrativen Fragmenten wie «criminally shy», «be melting snow» oder «the advantage is yours» überlässt er dem Betrachter ein Gebäude im Rohbau.Der Prozess des Wahrnehmens ist für den Künstler in der Transparenz und Offenheit der Zeichnung in besonderem Masse gegenwärtig. Einen Einblick in sein umfangreiches zeichnerisches Werk gewährt die 2010 erschienene Publikation ‹how deep is your pool› (Stämpfli Verlag mit Texten von Alice Henkes und Dominik Imhof). Wer in diesem schön gestalteten Buch blättert, stösst dabei auf einen verlockend spiegelnden Pool.

Distant shores Gempelers zahlreiche Reisen und die vor Ort gemachten Erfahrungen wecken in ihm bereits früh das Bewusstsein für die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Lebenswelten.Intensive Erfahrungen von Fremdheit und kultureller Differenz macht der Künstler während seines Stipendienaufenthaltes 2010 in der nordindischen, an den Ufern des Ganges gelegen Stadt Varanasi. Fasziniert und herausgefordert vom Kontrast zwischen der mythologischen Vorstellungswelt und der real existierenden Millionenstadt entwickelt er im Projekt ‹welcome to the dark and deep forest of bliss› (2010) seine ortsspezifischen Arbeiten. So bittet er beispielsweise den Astrologen Dr. Rakesh Joshi anhand der exakt notierten Entstehungszeit einer Zeichnung die Zukunft des Werkes vorauszusagen (‹seeing into the future of art›), oder er veranlasst in ‹emptiness reestablished› den Mönchsgelehrten Swami Jagernath eine vom Künstler gefertigte Zeichnung eines Asketen auszuradieren.

Into the woods Die Natur als Wahrnehmungsfeld findet in Form von verschatteten Uferzonen, spiegelnden Teichen und tiefen Wäldern immer wieder Eingang in Gempelers Schaffen. Der Wald als unheimlicher Ort, jenseits des vertrauten offenen Geländes, aber ebenso als Ort der Verzauberung, verdankt wie die Spitze, seine Anziehungskraft der Tatsache, dass sowohl im dichten Gehölz als auch im textilen Geflecht, vieles verborgen bleibt – und bleiben muss. In den Arbeiten ‹the hiding› und ‹even 10 mirrors won't tell› erlaubt der meist von einem dichten Geflecht aus Ästen, Stämmen und Blattwerk überzogene Bildraum lediglich sporadische Einblicke. Bereits ein geringfügiger Positionswechsel hätte zur Folge, dass anderes sichtbar und wiederum anderes verborgen bliebe. Die limitierende Subjektivität des Betrachterstandpunktes erweitert der Künstler, indem er denselben Teich aus mehrfach wechselnden Perspektiven zeigt. «Die Natur, wie Hanspeter Gempeler sie uns in seinen meisterlichen Aquarellen darstellt, tritt dem Menschen nicht ausgesprochen feindlich gegenüber, aber doch als eine schwer zu begreifende, kaum zu durchdringende Macht, die des Menschen nicht bedarf» (Alice Henkes 2010).

Which truth Das Interesse an der Eigengesetzlichkeit, an Widersprüchen und Ungereimtheiten subjektiver Wirklichkeitserfahrung, liegt bereits der Publikation ‹memory tank› (2000) zugrunde. Der Prozess der persönlichen Geschichtsschreibung und somit die Fragen nach biographischer Wahrheit stehen dabei im Zentrum. Elisabeth Gerber schreibt dazu: «mit ‹memory tank› entwirft Hanspeter Gempeler einen Denk- und Assoziationsraum, in dem der Prozess des Erinnerns als ein komplexes und verschlungenes, ja als ein sich rhizomartig gebärdendes Geflecht erscheint.»‹search in all directions› (2012) so der Titel einer neuen Arbeit entspricht in mancher Hinsicht dem weitverzweigten Denkraum, aus dem der Künstler sein vielschichtiges Werk entwickelt. Sie zeigt einen Schauspieler, der durch eine Spalte im Vorhang in den Zuschauerraum blickt und so durch die Umkehr der Blickrichtung den Betrachter selbst in Frage stellt. Im Wissen darum, dass unsere Kenntnis der Welt nur eine vorläufige sein kann, spiegelt der Künstler – unter Einnahme wechselnder Perspektiven – in seinen Arbeiten immer wieder neue Aspekte einer prozesshaften Wirklichkeit.In seinen hintergründigen Arbeiten fügt sich Gegenwärtiges und Hervorgerufenes zu atmosphärischen Denk- und Wahrnehmungsräumen, in denen es stets um mehr geht als um blosse Repräsentation. Indem sie auf die Präsenz des auch noch Möglichen verweisen, führen sie gleichzeitig weit über das Gegebene hinaus.

 

 

 

Publikationen

 

 

 

how deep is your pool (texte: alice henkes, dominik imhof, stämpfli verlag), 2010, ISBN 978-3-7272-1124-9
In ‹how deep is your pool› sind Aquarelle und Zeichnungen von Hanspeter Gempeler zu sehen, die im Laufe der letzten Jahre entstanden sind. In seiner künstlerischen Arbeit setzt sich Gempeler mit Fragen des Wahrnehmens und Erkennens auseinander. Seine Zeichnungen sind von einer Transparenz, die sich endgültigem Erkennen und Einordnen widersetzt, um eher von Erfahrung, Suchen und Unmittelbarkeit zu berichten. Der Künstler erforscht in diesen vielschichtigen Arbeiten, wie wir uns im Prozess des Sehens und Wahrnehmens fortwährend ein eigenes Bild der Welt machen (müssen). Seine poetische Wirklichkeitsbefragung öffnet dem Betrachter mit einer an japanische Haikus gemahnenden Leichtigkeit vielschichtige Wahrnehmungsfelder.Wer in diesem mit grosser Sorgfalt gestalteten Buch blättert, wird in Gempelers meisterlichen Aquarellen auf einen verlockend spiegelnden Pool stossen und dabei dem Wunsch selber einzutauchen kaum widerstehen wollen.

 

 

 

 

fifty indians guessing my age (this medicin works edition), 2005
Dreissig Jahre nach seiner ersten Reise begibt sich Gempeler erneut auf den Weg nach Indien. Dort angekommen, bittet er anlässlich seines bevorstehenden Geburtstages fünfzig Inder und Inderinnen sein Alter zu schätzen. Mit diesem Zugang gelingt es Gempeler, wie bereits in früheren Arbeiten, individuelle Wahrnehmungsweisen zu thematisieren. Gestalterisch auf das Wesentliche reduziert, gewährt das vorliegende Künstlerbuch Einblick in dieses ungewöhnliche Projekt. Wir sehen die Portraits der von Gempeler befragten Personen und lassen uns von ihren Antworten überraschen. Mit dem Künstlerbuch ‹fifty Indians guessing my age› ist ein Dokument entstanden, welches Gempelers tiefe Verbundenheit mit diesem Land und seinen Menschen auf überraschende Weise zum Ausdruck bringt.

 

 

 

 

memory tank (künstlerheft, text elisabeth gerber; report edition), 2000, ISBN 3-907591-04-6
Mit ‹memory tank› entwirft Hanspeter Gempeler einen Denk- und Assoziationsraum, in dem der Prozess des Erinnerns als ein komplexes und verschlungenes, ja als ein sich rhizomartig gebärdendes Geflecht erscheint. Wer sich darauf einlässt, wer sich von den teils vertrauten, teils rätselhaften Bildern verführen lässt, taucht unmittelbar ein in einen mentalen Raum ausserhalb physikalischer Raum- und Zeitkategorien. Er begibt sich in ein Labyrinth, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit in verwirrender Weise überlagern, durchdringen, entgegenstehen. (…)«exposed», ausgesetzt, belichtet: so heisst der mehrdeutige Titel einer Zeichnung. Wer setzt sich aus? Ist es die Erinnerung? Ist es das Erinnerte oder sind es diejenigen, welche sich erinnern? Die enge Verknüpfung verschiedenster Fragen macht deutlich, dass am Erinnerungsprozess stets mehrere Faktoren gleichwertig beteiligt sind: die Vorstellungen darüber, wie und weshalb Vergangenes und Vergessenes wieder ins Bewusstsein gelangt. (…) Wir sehen uns mit einem Erinnerungskonzept konfrontiert, das jeglicher Linearität und Kausalität spottet, ja misstraut. Verworfen wird für unsere nachmoderne Gesellschaft die Vorstellung, die wahre Geschichte noch erzählen zu können. Zu pluralistisch und zu heterogen scheint die Gegenwart zu sein und damit der gesellschaftlich bestimmte Ort von dem aus zurückgeblickt wird. Zu sehr sieht sich das sich erinnernde Subjekt in die gesellschaftliche Struktur hineinverflochten, hat sich die Möglichkeit, einen Standpunkt ausserhalb des Geschehens einnehmen zu können, als Fiktion erwiesen.

 

 

 

Bibliographie

- Tobler, Konrad: «Spick dich weg und sehn dich zurück». In: der Bund, Bern, 9. Juli 2013.
- Steffen, Christina: «Fernweh in eine Glasflasche gefüllt». In: Berner Zeitung, Bern, 2. Juli 2013.
- Henkes, Alice: «Der Vorhang öffnet sich». In: der Bund, Bern, 13. April 2012.
- Henkes, Alice: «Geheimnisse der Natur und der Erkenntnis».
  In: Kunstschaffend. Kunstgesellschaft Thun, Thun 2010.
- Burkard, Philipp und Gempeler, Hanspeter: «The true artist helps the world by revealing mystic truth». 
  Interview in: Kulturzeiger. Kulturabteilung Stadt Thun, Thun 2010.
- Mühlemann, Marianne: «Wirklichkeitsbefragung; Kunst»: Kurzausstellung und Buchpräsentation. 
  In: der Bund, Bern, 20. Mai 2010
- Henkes, Alice: Im Teich der Anspielungen und Ideen. In: «How deep is your pool». 
  Stämpfli Verlag, Bern 2010. ISBN 978-3-7272-1124-9
- Imhof, Dominik: Emptiness is king. In: «How deep is your pool».
  Stämpfli Verlag, Bern 2010. ISBN 978-3-7272-1124-9
- Gerber, Elisabeth: «memory tank». In: «memory tank». Report Edition, Thun 2000. ISBN 3-907591-01-1
- Pfister, Sarah: «Gespiegelte Schätze». In: der Bund, Bern, 4. November 2008.